Aktualisiert seit September 2024, als die Dinge in den Staaten schon seltsam waren … aber noch längst nicht so seltsam wie jetzt.

Schritt 1: Akzeptiere den Niedergang der amerikanischen Vormachtstellung — aber bitte nur theoretisch

Um wirklich wie ein Amerikaner zu denken, muss man zunächst tief in einem Winkel des eigenen Bewusstseins, den man normalerweise nur bei Steuererklärungen oder Familienfeiern betritt, anerkennen: Die Ära der unangefochtenen amerikanischen Vorherrschaft könnte vorbei sein.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man es laut sagen muss. Es ist eher wie die Erkenntnis, dass die Lieblingsjeans nicht mehr passt: schmerzhaft, aber notwendig für persönliches Wachstum — besonders, wenn man sich ernährt wie der durchschnittliche Amerikaner.

Nach dem Zweiten Weltkrieg genoss Amerika die Rolle des globalen Schützenkönigs. Doch inzwischen fühlt es sich an, als könnte jemand anders langsam nach der Krone greifen. Realistisch gesehen müssten Politiker, Unternehmer und Regierungsbeamte sich an diese neue Lage anpassen. Der durchschnittliche Talk-Radio-Hörer oder Fox-News-Zuschauer darf jedoch weiterhin in seliger Ahnungslosigkeit verweilen. Irgendjemand muss schließlich die Kommentarspalten warmhalten.

Schritt 2: Die Neue Weltordnung ist inzwischen Vintage

Der erste Präsident George Bush sprach nach dem Fall der Sowjetunion von einer „Neuen Weltordnung“. Diese Neue Weltordnung ist heute ungefähr so frisch wie eine D-Mark aus den neunziger Jahren.

Was sie ersetzen wird? Niemand weiß es. Und genau das macht Amerikaner nervös — ungefähr so nervös wie die Erkenntnis, dass das WLAN ausgefallen ist und man jetzt möglicherweise mit echten Menschen sprechen muss.

Schritt 3: Veraltete Überzeugungen und kognitive Dissonanz

Der heilige amerikanische Glaube, es sei im Interesse aller, die Welt nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten umzugestalten, lässt sich nicht mehr wirklich aufrechterhalten. Die Realität ist: Die Welt hat sich verändert, und die USA sind inzwischen eine Macht unter mehreren.

Einige Amerikaner haben das akzeptiert. Viele andere ziehen sich jedoch in Isolationismus zurück und denken: „Wir sind zu gut für die da draußen, unser amerikanischer Gott ist der einzig wahre Gott, und die nostalgische Version Amerikas aus der Mitte des 20. Jahrhunderts war sowieso die beste aller Zeitlinien.“

Das ist das geopolitische Äquivalent zu der Überzeugung, die US-Sitcom „Hogan’s Heroes“  (in Deutschland als „Ein Käfig voller Helden“ betitelt ) sei eine Dokumentarserie gewesen.

Schritt 4: Trauerarbeit über den Verlust des Supermachtstatus

Die nostalgische „Wir haben die Welt gerettet“-Mentalität der Nachkriegszeit kollidiert inzwischen auf sehr unterhaltsame Weise mit einer Realität, in der die USA regelmäßig mit ihren europäischen Verbündeten über Verteidigungsausgaben und Handelszölle streiten, während der amerikanische Regierungschef offen autoritäre Figuren bewundert, die eigentlich seine anti-demokratischen Gegenspieler sein sollen.

Um mit diesem Wandel zurechtzukommen, durchlaufen Amerikaner möglicherweise gerade die fünf Phasen der Trauer über den Verlust ihrer Superkräfte. Das sieht ungefähr so aus:

Verleugnung: „Wir sind immer noch die Nummer eins! Wir haben schließlich die besten Cheeseburger!“

Wut: „Wie können andere Länder es wagen zu glauben, sie könnten genauso mächtig sein wie wir? Haben die unsere Blockbuster-Filme nicht gesehen?“

Verhandeln: „Vielleicht wird alles wieder wie früher, wenn wir einfach noch ein paar Flugzeugträger bauen.“

Depression: „Großartig. Jetzt sind wir nur noch ein normales Land. Dann können wir auch Reality-TV komaglotzen und einen ganzen Eimer Oreo-Eis essen.“

Akzeptanz: „Na gut. Wir können koexistieren und verhandeln. Aber wir sind doch immer noch das coolste Land, oder?“

Schritt 5: Umarme die neue geopolitische Realität — aber rede bloß nicht darüber

Irgendwann werden die USA und ihr kollektives Unterbewusstsein akzeptieren müssen, dass eine neue geopolitische Ordnung entsteht, in der Amerika nur noch eine von mehreren gleichrangigen Mächten ist.

Das bedeutet: Man muss lernen, bei Themen zusammenzuarbeiten und zu verhandeln, die sich nicht im nationalen Alleingang lösen lassen: Klimawandel, Pandemien, internationaler Handel und all die anderen Dinge, bei denen „Wir machen das einfach allein“ ungefähr so gut funktioniert wie ein Grillabend während eines Tornados.

Findet diese Akzeptanz gerade statt? Neeeeeein.

Das aktuelle trumpianische Chaos im Nahen Osten und im eigenen Land — mit noch offenerer Korruption und Inkompetenz (Stichwort: „Kleiner Ausflug in den Iran“ oder „Trump am Spiegelbecken“) — hat zu echter Verwirrung geführt, sogar unter Amerikanern selbst, was die USA auf der Weltbühne derzeit eigentlich wollen.

Aber wenn man wirklich wie ein Amerikaner denken möchte, muss man verstehen: Über diesen unvermeidlichen Wandel spricht man nicht. Höchstens im strengsten Vertrauen. Besser konzentriert man Gespräche auf weniger emotional aufgeladene Themen — zum Beispiel Sexualpraktiken oder Religion.

Ja. So ernst ist es.

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